ein Stück Jute

Als Kind hatte ich einen Adventskalender. Ein langer Streifen Jutestoff, mit 24 roten und grünen Streichholzschachteln beklebt. Dieser Kalender hatte seinen festen Platz im Treppenhaus und war befüllt mit kleinen Süßigkeiten, Haarspangen, Schlüsselanhängern, kleinen Püppchen oder auch mal mit einem Zettel, wenn der Gegenstand zu groß für die Streichholzschachtel war. (Und jedes Jahr wusste ich immer bereits vorher, was sich bis Weihnachten in den einzelnen Schächtelchen befand – das nur so mal nebenbei.) Die besten Freunde meiner Mutter, bei denen ich in den vielen Jahren nach dem Tod meines Vaters gefühlt meine halbe Kindheit verbracht habe, hatten ihn für mich nach einer Anleitung aus der Brigitte gebastelt.

Und in einem Jahr passierte es, dass sich meine Mutter in der Weihnachtszeit ganz furchtbar über mich ärgerte und als Strafe die bis Weihnachten verbleibenden Streichholzschachteln leerräumte. Jeden Morgen ging ich an den Kalender, in der Hoffnung, vielleicht doch wieder etwas vorzufinden, aber meine Mutter zog die Sache durch und der Kalender blieb in diesem Jahr leer.

Mittlerweile liegt der Jutekalender in unserer Weihnachtskiste und jedes Jahr, wenn es ans Schmücken geht, kommt er mir wieder zwischen die Finger. Dann wird er einmal ausgerollt und ich denke an diese Geschichte meiner Kindheit. Dann wird er wieder zusammengerollt und ich weiß, dass ich ihn, obwohl ich ihn garantiert nicht benutzen werde, niemals werde wegschmeißen können.

Unzählige Erinnerungen trage ich mit mir rum. Und ich weiß, warum ich so bin wie ich bin. Oder warum ich so und nicht anders bin. Oder warum ich nicht so bin.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht am Dienstag, 1. Dezember, 2009 um 13:27 und ist eingeordnet unter Antonmenschen, Erinnermich. Sie können den Antworten zu diesem Beitrag mit RSS 2.0 Feed folgen. Sie können etwas sagen oder einen Trackback von ihrer Seite setzen.

10 Kommentare zu “ein Stück Jute”

  1. ami sagt:

    und es ist so unfassbar gut und richtig und schön, dass du genau so bist wie du bist. eben darum.

  2. GZi sagt:

    Eine Geschichte, so lebensnah – von jedem von uns in irgendeiner Form ähnlich erlebt…

  3. Puppe sagt:

    Bin hin- und hergerissen. Einerseits eine schöne Geschichte – der Tradition wegen. Andererseits eine traurige Geschichte – des leeren Kalenders wegen.

  4. rundumkiel sagt:

    Und deine Mutter hat das tatsächlich vom 1. bis zum 24. Dezember durchgezogen? Oha, die musst du aber wirklich richtig geärgert haben. Ich glaube, ich wäre spätestens am 2.12. weichgekocht, egal was passiert ist und würde mich ans Schachtelfüllen machen…

  5. Katrin sagt:

    Das ist ja gemein !
    Egal was meine Kinder anstellen, sowas würde ich nicht machen …
    Aber ich kenne das nur allzugut, in meiner Kindheit ging es ähnlich zu …
    Liebe Grüße,

    Katrin

  6. Silke sagt:

    Das hab ich mir heute kurz auch überlegt, weil mich meine Tochter richtig, aber so was von richtig, auf die Palme gebracht hat. Aber das hätte ihr wohl das Herz gebrochen, und mir gleich mit, deswegen hab ichs gelassen.

    Schade, dass ihre Mutter da anders dachte.

  7. tante liesbet sagt:

    Unser Sohn bekam mit 6 Jahren vom Nikolaus die angedrohte Rute. Ein kleines Geschenk gabs später trotzdem (wir wollten seine Reaktion sehen und mal konsequent sein), aber ich könnte mich heute noch dafür ohrfeigen. Aber kräftig.

  8. schrecklichschoenesleben sagt:

    Tja, man sollte sich immer gut überlegen, ob und wie man seine Kinder straft. Viele vermeintlich “kleinen Vorfälle” prägen uns doch für unser ganzes Leben.

    Alles Liebe für diesen Advent, liebe Frau Antonmann.

  9. Annie sagt:

    Oh…ich hatte auch so einen Kalender, da muss Mama wohl auch aus der Brigitte gebastelt haben :o)

    Und ich wusste AUCH immer was in den einzelnen Schaechtelchen drin war…und meine Schwester auch, obwohl sie’s garnicht wissen wollte!!!

    Die andere Sache…hmmm…:o(

  10. alexandra sagt:

    ich hoffe das meine kinder später auch solche erinnerungen an ihre kindheit haben werden. leerer kalender hin oder her, das haben sie sehr schön geschrieben.

    meine jungs erkennen an der form was drin ist, erschreckend :-) deswegen führte ich im letzten jahr klorollen als verpackung ein. das hilft ein bißchen :-)

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