nicht immer rosig

Als mein Vater starb, fing ich an, in die Hose zu machen. Irgendwie habe ich anscheinend einfach aufgehört, selbstständig auf’s Klo zu gehen. Es gibt Bilder aus der Zeit, auf denen man mich mit klitschnasser Hose im Garten spielen sieht. Im Kindergarten hatte ich einen eigenen Stuhl, auf dem ein Kreppstreifen mit meinem Namen klebte. Das war der Pinkelstuhl und die anderen Kinder schrieen laut auf, wenn sich jemand aus Versehen auf diesen setzte. Analog dazu war ich natürlich die Pinkelkerstin… Besuchte ich Freunde, dann schickten mich deren Eltern im gefühlten Fünfminutentakt auf Toilette, aus Sorge, ich könnte den Teppich oder das Sofa nass machen. Ich kann mich an das warme Gefühl erinnern, wenn die Blase locker lies und an die Kälte an den Beinen, die sich nach kurzer Zeit einstellte. Meine Mutter ging mit mir zu einer Kinderpsychologin, die in meiner Erinnerung ganz merkwürde Dinge mit mir anstellte. (In unserem Bücherregal steht ein Buch, das von dieser Psychologin geschrieben wurde. 1968. Über geschlechtliche Aufklärung von Kindern und den Dingen, die man dabei so falsch machen kann. Zum Gruseln, sag’ ich Ihnen. Nun ja.) Gestört hat mich das alles nicht, war halt so. Ich machte in die Hose, die anderen fanden’s furchtbar. Schlimm wurde es dann hinterher, als ich mich schon längst wieder stabilisiert hatte. Das schlechte Vergessenkönnen von Kindern zum Beispiel, die mir noch lange meinen Pinkelstuhl hinterhertrugen, sozusagen.  Die Wut darüber und meine lähmene Hilflosigkeit, die spüre ich auch heute noch in mir.

Kindheitserinnerungen, nicht immer rosig.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht am Samstag, 6. Februar, 2010 um 23:21 und ist eingeordnet unter Erinnermich. Sie können den Antworten zu diesem Beitrag mit RSS 2.0 Feed folgen. Sie können etwas sagen oder einen Trackback von ihrer Seite setzen.

10 Kommentare zu “nicht immer rosig”

  1. terschies sagt:

    Oh, ja gruselige Erinnerungen, die mir heute noch die Schamröte ins Gesicht treiben. Und dann meine Kinder, die beide ewig lange (7 + 9 Jahre) immer wieder in die Hose pinkelten. Meine Tochter war in so einer entzückenden Mädchenfreundinnengruppe die immer sagten: A. braucht nachts ‘nen Schnulli, L. braucht Licht, M. braucht ‘ne Flasche und H. ‘ne Windel. Das war sehr süß und unverkrampft (nein keine Gehässigkeiten, auch nicht hinterher). Und mein Sohn sagte immer in relativ großer Gelassenheit, dass es halt passiert, wenn er aufgeregt ist. Ich hatte immer das Gefühl, dass diverse Erzieherinnen und Lehrerinnen sich damit viel schwerer taten als die Kinder. Und das die Kinderreaktionen erst dadurch so richtig schlimm wurden. Zum Glück waren die Freundeseltern alle sehr gelassen. Ach, je … das ist so fies (und so vermeidbar, weil eigentlich nicht so furchtbar schrecklich).

  2. Frau ... äh ... Mutti sagt:

    Sie sind mir gerade so … nahe.

  3. sewsie sagt:

    in den letzten tagen muss ich echt unglaublich viel an Sie denken, ist halt so…
    lg und hochachtungsvoll,
    frl. sewsie

  4. Carmen sagt:

    Diesen Psychologenquatsch kenne ich auch, aus meiner Kindheit. So gruselig. Und für ein Kind zum Teil so durchschaubar. Aber ich glaube das findet man erst im Erwachsenenalter, im Rück-rückblick sozusagen, so richtig (gruselig) komisch.

  5. GZi sagt:

    Kinder können grausam sein, vielleicht werden sie auch dazu gemacht? ich weiß es nicht. Aber an gruselige Schulzeitengeschichten kann ich mich auch erinnern. da ich Fahrschülerin war, gehörte ich in keine Clique und saß irgendwie zwischen allen Stühlen…

  6. PaulaQ sagt:

    …ja, ja…aber solch schlimme Erinnnerungen habe ich dann doch nicht (habe auch keinen solchen Schicksalsschlag erlitten!). Aber ich war irgendwie immer “anders” als die anderen. Meine Eltern wollten kein “Mainstream”-Kind und ich fand das früher sehr schwer zu ertragen (fing ja schon bei meinem Vornamen an, vor fast vierzig Jahren gab es kaum so “exotische” Namen, und der wurde, und wird =), auch noch anders ausgesprochen als geschrieben….). Ich weiß manchmal nicht, ob einen solche “nicht rosige” Zeiten eher stärken oder schwächen….jedenfalls lese ich gerne bei Ihnen, ob rosig, bunt oder einfach auch mal eher gräulich….

  7. steffi sagt:

    ich fühle genau was sie meinen! bei mir ähnlich…..

  8. Barbara sagt:

    Ja. Manche Kindheitserinnerungen möchte man in den Müll werfen und vergessen, für immer. Erinnerungen aus der Jugendzeit gleich zehnmal mehr. Ich weiß genau wie sie sich fühlen.

    LIebe Grüße
    Barbara

  9. Jeanie sagt:

    Danke! Vielen Dank für Ihre Offenheit! Ich hab hier auch so ein “undichtes” Mädchen (11 Jahre) und ich habe Angst, daß mein Obersensibelchen von dan anderen Kindern ausgelacht und veräppelt wird – und ich kann nichts tun… Nach über einem Jahr “Spieltherapie” in der Erziehungsberatung ohne Erfolg laß ich das arme Mädchen nun einfach so sein wie sie ist und hoffe, daß sie es einfach irgendwann mal schafft, immer eine trockene Hose zu haben… aber den Pinkelstuhl find ich schon heftig….

  10. Frau Antonmann sagt:

    PaulaQ
    Vielen Dank. Das tut grad gut irgendwie.

sag was